Briefchen an die @Ennomane

Warum wir in Deutschland eine bessere Netzdebatte brauchen

Lieber Enno Park,

also, auf die Sache mit der schwarzen Kerze hätten wir natürlich selber kommen müssen😉 Danke für eine besonders ausführliche Besprechung unseres Buches und für die amüsante Verarsche unseres gelegentlichen Apokalyptiker-Tons (Na gut, auf dem Buchcover…. ). Ist angekommen.

Aber trotzdem: Merkwürdig! Wenn man die Satire mal weglässt, dann bleibt ja übrig, dass „das Internet“ vor uns zwei Buchautoren in Schutz genommen werden muss. Na, ist ja vielleicht nötig. Aber die Besprechung geht etwas … errm, locker damit um, was denn eigentlich in unserem Buch steht und was nicht. Das ist nicht ganz in Ordnung.

Nur mal ein Beispiel. Kritische Einrichtungen wie Atomkraftwerke oder Verkehrsleitsysteme oder Krankenhäuser sollen nicht am Internet hängen, auch wenn das in vielen Fällen praktischer und vor allem kostengünstiger wäre. Fordern wir. Ennomane wischt das weg, bei Kerzenschein und mit belehrender Miene: „Tun sie auch nicht“. Ja meint denn jemand, wir hätten uns das aus den Fingern gesogen? Hat sich das der Chaos-Computer-Club-Experte und Berliner Technikforscher Sandro Gaycken, der seit Jahren auch schon die Entnetzung solcher Systeme fordert, einfach ausgedacht? Und was ist mit dem Miterfinder des Internet David D. Clark, mit dem wir uns für dieses Buch lange unterhalten haben, und für den dies eine entscheidende Forderung darstellt?

Nein, das kann man nach der Lektüre der „Zeitbombe“ besser wissen, und dann haben wir auch noch gratis diese total schöne Stoffsammlung auf unserer Seite. Nur um das nochmal klarzustellen: Unser Buch ist von vorne bis hinten mit Fällen, Interviews, Dokumenten und Vor-Ort-Besuchen untermauert. An der Stelle macht es einen Unterschied, ob zwei Reporter ein Jahr lang umherreisen und die Dinge ausrecherchieren, oder ob man zwischen seinen Katzen auf dem Sofa sitzt und denkt.

Aber worum geht es hier wirklich? Dieser neue Wachstumsschub des Internet, den wir im Buch ein bisschen beschreiben, ist ja keine Kleinigkeit … plötzlich ist die alte Idee vom ubiquitous computing Wirklichkeit geworden (auf dem Handy zum Beispiel), wir bekommen Netzunterstützung für alle möglichen Alltagsgeräte, Dienstleistungen und Infrastrukturen, das Netz reicht tiefer in unseren Alltag hinein als je zuvor. Und es erreicht jetzt massenhaft Menschen, die mit Technik eigentlich gar nichts am Hut haben, die aber erstens natürlich seine Vorteile nutzen wollen und zweitens sowieso keine Wahl haben. Dass das die Gesellschaft verändert, Machtstrukturen verschiebt, dass wir also zwangsläufig auch in einen politischen Kontext hineinschreiben: Na klar!

So, und jetzt tief einatmen: Mit dieser Entwicklung haben die @Zeitbomber ja gar kein grundsätzliches Problem. Aber reden müssen wir schon drüber. Es ist höchste Zeit, dass so eine demokratische Gesellschaft wie unsere mehr Debatten darüber führt, und zwar weit über die technischen Eliten hinaus!, was sie mit diesem Netz will und was sie nicht will. Dazu gehören die neuen Gefahren im Internet und Strategien zu ihrer Vermeidung.

Unser Buch konzentriert sich auf diese letzten zwei Punkte. Bücher konzentrieren sich immer auf was, sonst heißen sie „Enzyklopädie“. (Ich* habe vor ein paar Jahren auch mal ein Buch über die vielen Chancen verfasst, Götz schreibt dazu sowieso alle paar Wochen). Und Ennomane? Gibt uns fairerweise in den meisten Sachfragen recht, fällt aber dann in seinen besten beruhigenden Brummton: „Wir beherrschen nach wie vor die Computer. Wir sagen ihnen, was sie zu tun haben.“ Alles wird gut. Hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie weiter. Halten Sie den Mund.

Naja, das stimmt ja einfach nicht mehr: dass die Leute, die das Internet und die Computer benutzen, zugleich auch „den Computern sagen, was sie tun sollen“. Beziehungsweise, es stimmt immer weniger. Häufiger tun das jetzt die Mark Zuckerbergs und Sergej Brins dieser Welt.

Ist unser Buch an einigen Stellen zu provokant formuliert? Geschmackssache und für die Debatte im übrigen Nebensache. Taugen unsere praktischen Vorschläge etwas? Viel interessanter, darüber soll man sich streiten. Aber, Ennomane: Einen könnte uns doch das Ziel, die von uns beschriebenen Gefahren abzuwenden statt sie kleinzureden? Dann funktioniert das Internet nämlich irgendwann noch besser.

Viele Grüße,

*@Zeitbomber Tom (Götz ist gerade auf Reisen und rettet Schildkröten)