Webcam im Mädchenschlafsaal

Interview mit dem Programmierer einer Schnüffelsoftware …

Spy Eye 3.0

… und was man daraus lernen kann. Und was nicht.

Siddharth Anand liebt Tablaspielen und Naturfotografie. Er trägt ordentliche Hemden, teilt seine pechschwarzen Haare in der Mitte mit einem Scheitel und redet ältere Menschen mit »Respected Sir« an.

Außerdem ist Siddharth Anand vermutlich der schlimmste Zimmernachbar der Welt. Als wir für dieses Buch mit ihm sprachen, war der 24-jährige aus dem zentralindischen Provinzstädtchen Jabalpur noch ein Informatikstudent; er verbrachte gerade seine letzten Wochen in einem Studentenwohnheim in Bangalore, das zum International Institute of Information Technology (IITTB) gehört. Das IITTB bildet neue Elitekader indischer Computergenies aus, und auch Anand hatte bei Drucklegung dieses Buches sein Studentendasein aufgegeben und einen Job bei der amerikanischen Militär- und Luftfahrtfirma Honeywell im indischen Bangalore gefunden.

Das Studentenwohnheim, in dem er im Oktober 2010 noch wohnte, ist eine eher trübe Angelegenheit: lange, grau-beige gestrichene Gänge, Plastikstühle, Wäscheleinen. Herumliegende Turnschuhe, herumliegende tragbare Computer und technisches Zubehör. Die Wohnräume streng aufgeteilt nach Geschlechtern.

Siddharth Anand ist, was man gemeinhin ein Computergenie nennt. Seine Pflicht-Kursarbeiten über die Steuerung von Roboterarmen, Onlinekartografie und elektronische Warenverkehrsabwicklung hat er meist schon mitten im Semester abgegeben. In der gewonnenen, freien Zeit spionierte er gerne seine Mitstudenten aus. Siddharth Anands Meisterwerk heißt »Spy Eye ver 3.0«. »Dieses Programm führt achtundzwanzig verschiedene Funktionen aus«, sagt Anand und redet dann sofort von allerlei technischem Kram wie Java-Scripts und Traceroutes. Da muss man durch. Zur Sache kommt er gegen Ende seines Vortrags: »Mit Spy Eye können Sie zu jeder Zeit überprüfen, ob Ihre Freunde gerade studieren oder Filme schauen oder schlafen.«

Wenn Siddharth Anand »Freunde« sagt, dann meint er seine ehemaligen Mitbewohner im Studentenwohnheim. Einigen von ihnen hat er einen verseuchten USB-Stick zugesteckt, vorgeblich mit einem Spielfilm drauf, aber gut versteckt enthielt der Stick auch noch einen selbst geschriebenen Computervirus. Die Computer der Studenten samt der eingebauten Kameras gehorchen seither Anands Befehlen. »Das Programm kann überall eingesetzt werden und an die Bedürfnisse der Benutzer angepasst werden«, sagt Anand.

@zeitbomber: Was sind das denn in Ihrem Fall für Bedürfnisse, Herr Anand?

Andand: »Ich mag nun mal Netzwerke und Sicherheitsfragen.«

@zeitbomber: Und das soll heißen?

Anand: »Ehrlich gesagt, die Leute geben dauernd damit an, dass sie für ihre Examina niemals lernen. Dass sie die ganze Nacht lang nichts tun als Filme zu schauen. Und dann kriegen sie doch gute Noten. Da habe ich mich entschlossen, sie auszuspi- onieren.«

@zeitbomber: Wann war das ungefähr?

Anand: »Es ist ein laufendes Projekt. Angefangen habe ich schon im Februar 2009.«

@zeitbomber: Sie wollten also rauskriegen, was Ihre Zimmernachbarn nachts so treiben.

Anand: »Ja, ich wollte das wissen. Wenn mich jemand belügt, dann werde ich sehr böse. Also habe ich diese Software entwickelt, um herauszufinden, was sie tun.«

@zeitbomber: Haben Sie es herausgefunden?

Anand: »Ja …«

@zeitbomber: Und?

Anand: »In einigen Fällen waren das dann Ansichten von YouTube … andere Male waren es elektronische Bücher …«

@zeitbomber: Und was haben Sie durch die Kameras gesehen?

Anand: »Manchmal war es ganz dunkel, keiner vor dem Computer, und manchmal meine Freunde. Ihre Gesichter. Und manchmal Netzwerkprobleme, also Paket verloren, host unreachable …«

@zeitbomber Bitte nicht ablenken. Ehrlich gesagt, fallen einem ja auch Anwendungen Ihres Programmes ein, die zum Beispiel die Schlafsäle des Damentraktes betreffen … aber dafür sind Sie sicher zu alt, oder?

Anand: »Ja🙂 Die jüngeren Studenten benutzen das womöglich.«

Nee, ist klar. Eigenartige Logik. Eigenartige Mentalität. Siddharth Anand hat allerdings eine wichtige begriffen: Das Internet mit seinen Abermillionen angeschlossener Endgeräte ist die größte Überwachungsmaschine aller Zeiten. Das hat sich niemand so ausgedacht; das ist nicht das Wesen des Internets – doch mit technischem Wissen, Geschick und Hartnäckigkeit kann man es dazu machen. Man kann auch genau das Gegenteil erreichen. Mit ebenso viel Wissen, Geschick und Hartnäckigkeit kann man im Internet ganz schön anonym und unerkannt herumsurfen.

Das Problem: Die Grenze zwischen nützlicher Anwendung und Missbrauch ist hauchdünn. Gut und böse? Alles die gleiche Technik. Soziale Netzwerkdienste melden unseren Freunden, wann sie uns zuhause antreffen können, und Dieben, wann nicht. Unternehmen können dank Datensammeltechniken tiefe Einblicke in unser Privatleben nehmen, zur Belohnung machen sie unser Leben mit passenden Produkten reicher und angenehmer – und sie spähen uns dabei aus. In Italien kann man viele Geschäfte mit dem Staat bereits online erledigen; umgekehrt haben Steuerbehörden dort zuletzt Computernetze durchforstet, um Steuersünder aufzuspüren: Passt das angebliche Einkommen zu dem Lebensstil, mit dem die Menschen sich im Netz präsentieren?

Es ist eine lange, lange Liste. Und das macht Grundsatzdebatten über das Internet so unendlich schwer…