„… dann kommt die Regierung und übernimmt die Aufsicht.“

US-Technologielegende Jon Callas kritisiert Facebook und Google an der Humboldt-Uni

Humboldt Uni

Humboldt-Universität. Foto: Heike Zappe, Humboldt ÖA

Die amerikanische Technologie-Legende Jon Callas holte am Samstagvormittag an der Humboldt-Universität zum Rundumschlag aus: Im Großen Senatssaal diskutierte er mit den Autoren des Buches „Zeitbombe Internet“ (hier ihre Thesen) die neuesten Gefahren für das Internet und die Datenschutzprobleme bei Facebook & Co. Eingeladen hatte das gerade entstehende Institut für Internet und Gesellschaft an der Universität. Callas – da weiß man gar nicht richtig, wo man anfangen soll – ist einer der besten Kryptografen der Welt, war Mitglied der „Cypherpunk“ -Bewegung und lange Chef der PGP-Corporation („Pretty Good Privacy“), hat etliche Cyber-Sicherheits-Patente erfunden, war langjähriger Top-Sicherheits-Architekt bei Apple, arbeitet als Chief Technical Officer für die global operierende Computersicherheitsfirma Entrust und ist seit Jahren ein viel gefragter Kommentator zu IT-Themen.

Seine ungewöhnlich deutliche Warnung: Wenn Google, Facebook & Co ihre Datenschutzprobleme nicht in den Griff bekommen, könnten sie in vielen Ländern zu stark regulierten „Versorgungsunternehmen“ werden. Callas: „Dann kommt die Regierung und übernimmt die Aufsicht.“

Callas am Pult

Callas

Das ist allerdings eine Vision, die ihm selber Angst macht. „Ich mag das nicht, aber es wird passieren. Wenn die Unternehmen nicht handeln, werden die Regierungen es eben tun, und dann kommt es zu einem Verlust von Innovation und Strahlkraft. Das wäre das Ende des Silicon Valley, wie wir es kennen.“

Ausführlicher Beitrag und Videomitschnitte folgen… hier vorab schon mal ein paar Jon-Callas-Zitate:

Google, Facebook, Twitter? Wenn wir über die Anbieter solcher Internetdienste reden, sollte niemand vergessen: Wir sind nicht deren Kunden. Die Kunde ist die Anzeigenindustrie. Wir sind: das Produkt.“

Callas und Fischermann

Callas, Fischermann

(Die sozialen Netzwerkdienste) sagen uns, dass sie eine Community bauen. Aber wenn sie nicht lernen, uns darin wie Bürger zu behandeln, dann kommt irgendwann die Regierung und übernimmt die Aufsicht. Denn Regierungen wissen, wie man uns als Bürger behandelt.

Wenn Sie sich Google und Facebook anschauen, ist das nicht wirklich eine harte Konkurrenz. Andere Wettbewerber sind kaum noch übrig. … Was passiert, wenn die unsichtbare Hand Ihnen den Mittelfinger zeigt?

Ich liebe Google. … Ich habe dort eine Menge Freunde. … Aber ich glaube, dass Google in den vergangenen drei Monaten böse geworden ist. Die Klarnamen-Politik des Unternehmens ist eine Sache, von der sie gesagt haben, dass sie es niemals tun würden. … Google weiß, was es da tut. Und es ist absichtlich. Absichtlich! Die wissen es besser als das.

Die iranische Regierung hat, um eine Spionage-Infrastruktur zur Überwachung ihrer Bürger aufzubauen, erfolgreich die Trust-Infrastruktur des Westens attackiert. Sie haben (die Computersicherheitsfirma) Comodo angegriffen, sie haben Diginotar zerstört. …

Pernice, Hamann, Callas, Fischermann

Institutschef Ingolf Pernice, Hamann, Callas, Fischermann (v.l.)

Jeder Browser in der Welt akzeptiert Sicherheitszertifikate von CNNIC, von einer chinesischen Organisation, hinter der gut und gerne auch die People’s Liberation Army stehen könnte. …

Das große Problem (der Computersicherheit) heute sind Angriffe von Nationalstaaten, und zwar von nicht sonderlich netten Nationalstaaten. Wenn die unsere Infrastruktur hacken, und es ihnen dabei gelingt, die bestehendeTrust-Infastruktur unterwandern, um ihre eigenen Programme einzuschleusen – nun, das müssen wir in Ordnung bringen. Wir müssen dafür sorgen, dass Sicherheitszertifikaten nicht mehr standardmäßig getraut wird.

Eine Institution, deren Zertifikaten wohl fast jeder auf der Welt traut, ist das deutsche Universitätssystem. Und wenn irgendwer das deutsche Universitätssystem unterwandern würde, könnten die im Grunde alles in der Welt überrollen. Eine einzige übelmeinende Person, an der richtigen Universität zur richtigen Zeit, kann das schon erreichen.