Archive für den Monat: September, 2011

Umsteuern? Aussteigen?

Ein Gespräch mit den „Zeitbombern“

Bücher über das „böse“ Internet haben sowieso schon Konjunktur. Warum jetzt noch ein Titel?

Fischermann

Fischermann: Okay, gleich mal klarstellen: Das Internet ist nicht böse, es verdirbt auch nicht den Charakter oder das Abendland, es geht nur gerade kaputt. Man hat es technisch überfordert, man überfrachtet es mit politischen und gesellschaftspolitischen Erwartungen. Manche wollen gewaltige Profite damit erwirtschaften und wir alle lassen Android- und iPhones unser Leben organisieren, ohne uns gründlich mit den Folgen auseinanderzusetzen. Wenn das weiter so läuft, geht es einfach nicht mehr lange gut mit dem Netz. Und das ist gefährlich, weil wesentliche Lebensbereiche inzwischen über das Internet gemanagt werden. Das ist die „Zeitbombe“. Davor warnen wir.

Hamann: Was in der Debatte immer übersehen wird: Es gibt nicht das Internet. Was es gibt, ist eine Technologie, die mit praktisch allen unseren Lebensbereichen unauflöslich verwoben ist. Das Internet und unsere physische Welt sind nicht mehr getrennt. Sie sind inzwischen eins – doch während in der Welt, die wir sehen und anfassen können, alle Dinge geregelt sind, gilt das fürs Internet nicht. Und daraus entstehen Konflikte: Kriminelle haben neuen Spielraum, der Staat weiß nicht so recht, wie er seine Bürger schützen soll, ohne ihre Grundrechte zu verletzen, die Konsumenten lassen sich auf Dienste ein, die sie nicht verstehen – und und und… Darüber müssen wir diskutieren.

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Ist Cyberkrieg Science-Fiction?

Richard A. Clarke
Clarke. Foto: PR

Fragen an Richard A. Clarke, früherer Cyberwächter bei George W. Bush

(Der Text ist ein gestraffter Auszug aus unserem Buch.)

Richard A. Clarke war früher mal Cyber-Sicherheitsberater bei George W. Bush. Und davor schon (als genereller Terrorexperte) bei Bill Clinton. Aber jetzt ist ein anderer Präsident dran, der Clarke nicht mehr will, und darum zieht Clarke mit seiner neuesten aufrüttelnden Sicherheitswarnung als Privatmann um die Welt.

In Kürze: Ein katastrophaler Zusammenbruch der weltweiten Computersysteme sei jederzeit möglich – und im Ernstfall würde er gerade mal 15 Minuten dauern. Die Flugsicherung könne kollabieren und Züge entgleisen. Finanzdaten an der Wall Street könnten sich in ein einziges Durcheinander verwandeln, Satelliten für immer in den Tiefen des Alls verschwinden. Alles ausgelöst von Soldaten einer neuen Generation: von Hackern. Der Westen – ganz besonders der Westen! – schwebe in ernster Gefahr.

Clarke ist gerade in der Nähe von Washington unterwegs, als wir ihn zu unserem ersten Gespräch per Telefon erreichen. »Erstens«, doziert er durch die Leitung, »können militärische Ziele ins Schussfeld geraten und zweitens Einrichtungen der zivilen Infrastruktur. Auf der militärischen Seite gehört dazu ganz sicher das Ausschalten feindlicher Abwehrsysteme, zum Beispiel der Flugabwehr, sowie der Kommando- und Kontrollsysteme. Möglicherweise werden sogar Waffen ausgeschaltet, zum Beispiel moderne Kampfflugzeuge. Diese Flieger sind heute so hochgradig abhängig von Software, und sie enthalten so viele verschiedene Systeme, die auf kommerziell erhältlichen Chips mit kommerziell erhältlicher Software laufen! Man kann sich eine Situation vorstellen, in der ein älteres Flugzeug einen dieser modernen Flieger besiegt. Einfach weil es durch eine Hintertür in die Computer des teureren Systems eingedrungen ist.«

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Webcam im Mädchenschlafsaal

Interview mit dem Programmierer einer Schnüffelsoftware …

Spy Eye 3.0

… und was man daraus lernen kann. Und was nicht.

Siddharth Anand liebt Tablaspielen und Naturfotografie. Er trägt ordentliche Hemden, teilt seine pechschwarzen Haare in der Mitte mit einem Scheitel und redet ältere Menschen mit »Respected Sir« an.

Außerdem ist Siddharth Anand vermutlich der schlimmste Zimmernachbar der Welt. Als wir für dieses Buch mit ihm sprachen, war der 24-jährige aus dem zentralindischen Provinzstädtchen Jabalpur noch ein Informatikstudent; er verbrachte gerade seine letzten Wochen in einem Studentenwohnheim in Bangalore, das zum International Institute of Information Technology (IITTB) gehört. Das IITTB bildet neue Elitekader indischer Computergenies aus, und auch Anand hatte bei Drucklegung dieses Buches sein Studentendasein aufgegeben und einen Job bei der amerikanischen Militär- und Luftfahrtfirma Honeywell im indischen Bangalore gefunden.

Das Studentenwohnheim, in dem er im Oktober 2010 noch wohnte, ist eine eher trübe Angelegenheit: lange, grau-beige gestrichene Gänge, Plastikstühle, Wäscheleinen. Herumliegende Turnschuhe, herumliegende tragbare Computer und technisches Zubehör. Die Wohnräume streng aufgeteilt nach Geschlechtern.

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„… dann kommt die Regierung und übernimmt die Aufsicht.“

US-Technologielegende Jon Callas kritisiert Facebook und Google an der Humboldt-Uni

Humboldt Uni

Humboldt-Universität. Foto: Heike Zappe, Humboldt ÖA

Die amerikanische Technologie-Legende Jon Callas holte am Samstagvormittag an der Humboldt-Universität zum Rundumschlag aus: Im Großen Senatssaal diskutierte er mit den Autoren des Buches „Zeitbombe Internet“ (hier ihre Thesen) die neuesten Gefahren für das Internet und die Datenschutzprobleme bei Facebook & Co. Eingeladen hatte das gerade entstehende Institut für Internet und Gesellschaft an der Universität. Callas – da weiß man gar nicht richtig, wo man anfangen soll – ist einer der besten Kryptografen der Welt, war Mitglied der „Cypherpunk“ -Bewegung und lange Chef der PGP-Corporation („Pretty Good Privacy“), hat etliche Cyber-Sicherheits-Patente erfunden, war langjähriger Top-Sicherheits-Architekt bei Apple, arbeitet als Chief Technical Officer für die global operierende Computersicherheitsfirma Entrust und ist seit Jahren ein viel gefragter Kommentator zu IT-Themen.

Seine ungewöhnlich deutliche Warnung: Wenn Google, Facebook & Co ihre Datenschutzprobleme nicht in den Griff bekommen, könnten sie in vielen Ländern zu stark regulierten „Versorgungsunternehmen“ werden. Callas: „Dann kommt die Regierung und übernimmt die Aufsicht.“ Den Rest des Beitrags lesen »