Wenn das Smartphone dolmetscht

Supercomputer weit draußen im Netz steuern die Datendienste in unseren Handys – Auszug aus dem Kapitel 5

Eric Schmidt, der langjährige Chef des Internetkonzerns Google, ist im August 2010 zu einem Kurzbesuch nach Berlin geflogen. Er will eine Rede auf der Internationalen Funkausstellung halten. Als der 56-Jährige auf die Bühne tritt, sieht er aus wie immer: Er trägt einen blauen Anzug, eine dazu pas- sende blaue Seidenkrawatte, ein weißes Hemd – und braune Slipper. Seine Stimme lässt keine tiefen Gefühle erahnen, er schaltet sein Lächeln in Intervallen ein, als stünde es so im Redemanuskript.

Er zählt die einzelnen Punkte der IT-Revolution an den Fingern ab – damit er bloß keinen vergisst, und so eine Rede würde normalerweise keine Erinnerung hinterlassen. Schmidt sagt Sätze wie: »Wir stehen am Anfang eines humaneren Zeitalters, in dem Computer die Dinge machen, die wir wirklich wollen, was letztlich bedeutet, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«

So weit, so wolkig. Aber dann tritt der Google-Entwicklungsingenieur Hugo Barra auf die Bühne. »Wir haben in den vergangenen Jahren viel an der Spracherkennung gearbeitet«, beginnt Barra, reibt sich die Hände und sagt dann, er wolle etwas zeigen, was noch niemandem gelungen sei.

Hugo Barra bittet den deutschen Google-Pressesprecher Kay Oberbeck auf die Bühne. »Bitte denken Sie daran, es ist noch in der Experimentierphase.« Dann macht er mit Oberbeck ein kleines Rollenspiel. Er selbst spielt einen Touristen, der in Deutschland unterwegs ist, aber kein Deutsch spricht, und der Pressesprecher soll einen Schuhverkäufer in Berlin mimen, der kein Englisch versteht.

Vor ihnen auf einem Stehtisch liegt ein Smartphone mit dem neuesten Betriebssystem von Google. Die Software heißt Android und ist dabei, das zu werden, was Windows von der Firma Microsoft für die Welt der Heimcomputer ist: der Standard für die Basis-Software moderner Telefone. Sie legt fest, was das Handy kann und welche Programme darauf laufen. Google hat mit Android die Konkurrenten von Apple, Research in Motion (Blackberry) und Microsoft bereits hinter sich gelassen, ist auf mehr Smartphones installiert als irgendein anderes Betriebssystem, und insofern wird Android der Menschheit – wenn es nach Google geht – ein wenig unter die Arme greifen.

Nun beugt sich Barra über das Handy und fragt es auf Englisch:

»Do you have these shoes in size 41?«

Eine Kamera ist auf den Bildschirm des Handys gerichtet und überträgt alles auf eine Leinwand hinter den beiden Männern. Das Handy zeigt ein Mikrophon und die Worte »Speak now« – jetzt sprechen. Wenige Sekunden später sagt eine maschinelle, weibliche Alt-Stimme. »Sie haben die Schuhe in der Größe 41.« Dass es sich um eine Frage handelt und die Stimme am Ende nach oben gehen müsste, versteht der Computer noch nicht. Aber ansonsten gelingt die Übersetzung tatsächlich.

»Welche Farbe?«, sagt Oberbeck, der weiter den Schuhverkäufer spielt, aber dieses Mal versteht die Maschine nicht, sie bockt und wiederholt mehrfach »which cable«. Einen Moment lang sieht es so aus, als müsste Barra abbrechen, doch dann sagt das Handy plötzlich »What colour?«

Barra: »Black or brown would be fine.« Maschine: »Schwarz oder braun wäre schön.« Oberbeck: »Wir haben schwarz und braun.« Maschine: »We have black and brown.« Das Handy hat simultan übersetzt! Ein paar Ahhs und Ohhs sind zu hören, denn hier und in diesem Moment ist ein lange gehegter Traum in Erfüllung gegangen. Dass Computer simultan übersetzen, daran arbeiten die besten Computerwissenschaftler seit zwanzig Jahren. Und nun erwähnt Eric Schmidt ganz lässig, die Simultanübersetzung werde Google bald für hundert Sprachen anbieten.

Noch Monate schwärmt Schmidt von diesem Tag.

Doch ein Handy alleine – auch eines von Google – ist eigentlich viel zu schwach, um simultan zu dolmetschen. Genauso wenig können iPads und Navigationsgeräte all die Ortungs-, Ratgeber- und Steuerungsfunktionen alleine vollbringen, die sie vollbrngen. Deshalb vollbringt jemand anderes im Hintergrund die wahre Arbeit. Ein Supercomputer. Rechner mit Fühlern in aller Welt, die mehr vermögen, mehr wissen und mehr beobachten, als wir Menschen ahnen. Alleine Google besitzt an die hundert solcher Rechenzentren. Andere Internet- und Computergiganten wie Amazon, Microsoft und IBM eifern dem Suchmaschinenkonzern nach – aber aus Sicherheitsgründen machen sie nicht viel Aufhebens darum – und selbst in den USA halten sie die Standorte ihrer Datencenter geheim.

Die allwissenden Superhirne, die unser Leben besser machen sollen – sie stehen irgendwo da draußen.

*

Es ist eine ziemlich öde Autofahrt. Unten im Tal wuchsen noch links und rechts des Highway 84 stolze hohe Bäume. Doch je länger man fährt, Stunde um Stunde, je weiter man auf dem Hochplateau entlang des Columbia River vorandringt, desto karger wird die Vegetation. Ganz oben kümmern nur noch windgeplagtes Gestrüpp und welkes Gras. Verrostete Schienen treffen Straße; ausrangierte Industriewaggons in karger Landschaft; ein Trucker-Motel ohne einen einzigen Truck davor. Ein riesiger Parkplatz mit unverkauften Autos. Ein Schild warnt vor Staubverwehungen auf der Straße. So könnte das Ende der Welt aussehen. Und doch ist das hier so eine Art Zentrum.

Das eine, was auffällt, sind Leitungen, die von Horizont zu Horizont reichen. Kabel-Autobahnen überziehen diese unwirtliche Landschaft, Strommast steht hinter Strommast, teilweise laufen drei, vier oder fünf Leitungen nebeneinander.

Der Punkt, an dem sich alle treffen, ist das Umspannwerk von Port of Morrow Industrial Park. „Hafen des neues Tages“ könnte man das ungefähr übersetzen, und das klingt etwas poetisch für dieses verlorene Stückchen Erde, aber zumindest am Umspannwerk passt der futuristische Spruch optisch. Riesige Keulen mit gewundenen Drähten ragen silberfarben, blitzblank in den Himmel; es ist ein elektrisches Kraftpaket, das ganze Städte oder riesige Industrieanlagen versorgen könnte. Man kann den Strom knistern hören, wenn man aus dem Wagen steigt. „Die örtlichen Stromunternehmen liefern mit den günstigsten Strom der ganzen USA“, steht auf einem Flugblatt, das man sich in der Verwaltungszentrale des Port of Morrow abholen kann.

Aber wer braucht so viel davon? Man muss ein wenig herumfahren und suchen, man muss Hinweisen aus der Bevölkerung nachgehen, um ganz am Rand des Industrieparks ein grünlich-graues, riesengroßes Gebäude zu entdecken. Sein Grundriss ist so groß wie ein bis zwei Fußballfelder. Grau-grüner Beton, keine Aufschrift daran und ein hoher Zaun, der das Gebäude weiträumig abriegelt. Das merkwürdige Gebäude gehört einer Firma namens VA Data, die wiederum eine Tochter des Internetriesen Amazon ist, speziell darauf ausgerichtet, gewaltige Rechenzentren für den Internetkonzern zu errichten.

Amazon, Google und Microsoft bauen derzeit ein solches Rechenzentrum nach dem anderen. Hallen voller leistungsstarker Rechner, dicht an dicht, Reihe an Reihe, verbunden durch Datenkabelstränge und Stromleitungen,  zusammengeschaltet zu einem Superhirn. Im Fachjargon nennen die Unternehmen das „Cloud-Computing“, weil es ungefährer, niedlicher klingt. Aber faktisch verschwinden die Daten eben nicht in einer „Wolke“, sondern sie fließen zu den größten und leistungsfähigsten Computern, die die Menschen bisher gebaut haben.

Weil sie immer laufen, immer online sind und ohne Unterlass Millionen Rechenoperationen, Abfragen oder Analysen parallel erledigen, verbrauchen die Datencenter gigantische Mengen an Energie, werden nach und nach zu einem der größten Stromverbraucher auf der Erde, und der Energiehunger geht in die Petajoule. Schon heute schlucken Computer etwa fünf Prozent allen Stroms, der weltweit hergestellt wird.

*

Sobald wir einen Finger auf ein iPhone legen, weiß irgendeiner dieser Supercomputer, wo wir sind und was wir gerade treiben. Können wir ihnen trauen?

In jedem Fall fangen wir an, mit ihnen zu sprechen. Jede vierte Suche im Internet, die in den USA über Google-Handys läuft, wird nicht mehr eingetippt, sondern gesprochen. Der Computer versteht das.

Auch die Gesichtserkennung per Handy funktioniert nur mit Hilfe der Großrechner im Hintergrund. Die eingebaute Kamera nimmt ein wildfremdes Gesicht auf, schickt es an einen Supercomputer, der analysiert es und vergleicht es mit anderen Bildern im Internet, die genau die gleichen Merkmale aufweisen, und schaut, was für Informationen zu diesen Gesichtern gespeichert sind. Diese Informationen gehen dann wieder an den Ausgangspunkt zurück: das Handy. Es ist, als kramten die Supercomputer in einem globalen Gedächtnis, um dann zu sagen: Klar, das ist doch der Peter Schmidt aus Saarbrücken.

Es gibt inzwischen Software fürs Handy, mit deren Hilfe ein Supercomputer problemlos alle Sternbilder erkennt, und andere Programme, mit denen er jedes Flugzeug am Himmel identifizieren kann, welche Flugnummer es hat, wohin es will und wann es landet. Mit wieder einem anderen Programm liefert er Informationen über die meisten historischen Bauwerke, sobald man die Handy-Kamera darauf richtet. Sogar im Supermarkt macht sich so ein Supercomputer als Ernährungsberater nützlich. Um zu erfahren, ob eine Ware ungesunde oder gefährliche Inhaltsstoffe im Übermaß hat, hält der Kunde einfach seine Handy-Kamera über den Strichcode auf der Packung.

Das Ergebnis kommt wenige Sekunden später, von irgendwo aus dem Internet.

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